Tallin

Etwa jeder dritte Bürger Estlands wohnt in Tallin. Dennoch gehört den Touristen die deutliche Mehrheit in der Altstadt (Weltkulturerbe), jedenfalls wenn vier Kreuzfahrtschiffe im Hafen vor Anker liegen. Das Angebot an die Besucher ist hier entsprechend groß – unzählige Souvenirläden, Bernstein und Strickwaren jeder Art…
Uns gefällt die Stadt sehr: historische Gebäude vom Mittelalter bis zur Hanse, die sehr gut erhaltene Stadtmauer mit ihren zahlreichen Türmen, enge Gassen und bunte Boulevards, der Domberg mit den Regierungsgebäuden, die prunkvolle Alexander-Newski-Kathedrale…

Insel Hiiumaa

Auch auf diese Insel ist vor 455 Millionen Jahren ein Meteorit niedergegangen. Der Krater ist nur für Geologen erkennbar und hat einen Durchmesser von 4000 Metern. Er ist der besterhaltene Meteoritenkrater des Erdaltertums in der Welt.

Ein kleiner Spaziergang führt uns entlang des Roten Baches, der sich in seinem tiefen Tal durch den Wald schlängelt. Das Wasser ist tatsächlich rostrot, vielleicht ist der Meteorit ja ebenfalls aus Eisen gewesen? Jedenfalls findet Ute die ersten reifen Blaubeeren, mmh.

Zum Schutz der Schifffahrt vor der hier oft rauen See und nahen Küste gibt es jede Menge Leuchttürme…

Insel Saaremaa

Vor etwa 4000 Jahren stürzte ein Meteorit auf die Insel. Das größte Stück davon bestand aus mindestens 20 Tonnen Eisen und Nickel (Edelstahl?) und schlug mit über 3000 km/h ein 65m tiefes Loch in das Gestein. Noch heute ist der Krater des achtgrößten bekannten Meteoriteneinschlags der Erde beeindruckend. Immerhin ist der See in der Mitte noch über 20m tief.

Der bedeutendste Feiertag auf dem Baltikum wie auch in Skandinavien ist Mittsommer…

Insel Muhu

Bevor es übers Wasser geht, besuchen wir noch drei alte Eichen an der Ostseeküste. Die Bäume sind über 600 Jahre alt und stehen in einer malerischen Landschaft. Typisch sind hier die Wacholdersträucher und die bunten Wiesen dazwischen. Der Abstecher über eine Schotterstraße hat sich wieder einmal sehr gelohnt.

Das Fährticket haben wir im Internet gebucht. Am Hafen sind wir zu früh, die freundliche Elektronik erkennt unser Autokennzeichen und lässt uns auf das Schiff. Nach einer halben Stunde sind wir auf der Insel Muhu, die kleinste der großen Inseln vor Estland in der Ostsee…

Soomaa Nationalpark

Das Wetter ist gut. Der Wind hat die Wolken vertrieben, die Temperaturen sind zunächst bei 23° sommerlich angenehm, später doch ziemlich warm. In Estland freuen wir uns zunächst über die für uns etwas lustig klingenden Vokabeln, „Rattarada“ ist ein Fahrradweg, ob holprig oder nicht.

Mit ein paar Zwischenstopps sammeln wir erste Eindrücke und fahren dann in den Nationalpark Soomaa und unternehmen eine erste kurze Wanderung. Elche, Bären, Bieber und Luchse seien hier zu Hause, uns begrüßen stattdessen gefräßige Mücken, Bremsen und andere gefährliche Flügeltiere. Wir wehren uns später mit einem Mückenfeuer auf einem Biwakplatz mitten im Park, den wir ganz für uns zur Übernachtung haben…

Rigaer Bucht II

Zurück an die Ostsee.
In der Nähe von Tuja finden wir einen Campingplatz, der uns gefällt. Wir stehen direkt an der Düne und erleben um halbelf einen klassischen Sonnenuntergang.

An nächsten Tag schauen wir uns die die roten Klippen und Höhlen am Ostseestrand an. Es ist wieder der rote Sandstein, den wir an der Gauja bereits kennengelernt haben. Am Strand hat die Eiszeit große Steine aus dem hohen Norden importiert…

Gauja Nationalpark

Nach soviel Kultur geht es nun wieder zurück in die Natur. Der Nationalpark nicht weit entfernt von der Hauptstadt trägt den Namen des Hauptflusses Gauja, der sich in seinem natürlichen Flussbett durch die Wälder windet.

Es gibt viel zu sehen und wir genießen die Stille und Ursprünglichkeit der Natur. Sehr schön auch die alten Holzhäuser. Mit einer alten hölzernen Seilfähre kann man über den Fluss setzen. Das wackelt mächtig, wenn da ein Auto auffährt. Aber offensichtlich kommt alles trocken und sicher an das andere Ufer…

Riga

Um vom Stellplatz zur Rigaer Altstadt zu gelangen, überqueren wir die Dougava kurz vor ihrer Mündung in der Ostsee. Ein breiter Fluss, dessen Wasser von seiner Quelle in Russland bis hierher mehr als 1000 km zurückgelegt hat. Die Altstadt ist beeindruckend anders. Von jeder Ecke, von jedem Platz nach jeder Straßenbiegung blickt man auf neue interessante Fassaden, schöne Ensembles und historische Perlen der Architektur. Dennoch wirkt alles leicht…

Sabile

Heute unternehmen wir einen Kurzausflug nach Sabile. Der Ort selbst ist nicht sonderlich sehenswert, seine Bewohner aber sind besonders kreativ.
Eine Omi fertigt lebensgroße Strohpuppen, steckt sie in Kleider und gruppiert sie zu verschiedenen Szenen. Sehr originell und hübsch anzusehen. Über 200 Puppen sollen es sein, nachgezählt haben wir nicht.
Dann werfen wir einen Blick auf den Weinberg des Ortes. Im Guinessbuch hält er (noch) den Rekord des nördlichsten Weinbergs der Welt. 650 Rebstöcke liefern immerhin soviel Wein, um beim jährlich stattfindenden Weinfest die Kehlen zu befeuchten. Ansonsten gibt es eine Ciderkelterei im Ort, die nicht nur Äpfel verarbeitet sondern sämtliche hier wachsenden Obstarten und Beeren.
Uns zieht aber besonders die Freiluftgalerie von Pedvale an, gleich hier um die Ecke. Der Künstler Ojars Feldbergs hat auf den Wiesen seines Bauernhofs eine großzügige Freiluftgalerie geschaffen. Kunstwerke vorwiegend aus Stein und Metall sind weit über das Gelände verstreut. Das Zusammenspiel der hügeligen Landschaft und der Kunstwerke erzeugt eine ganz eigene Stimmung. Einmal im Jahr findet ein Plainair mit geladenen Künstlern aus aller Welt statt, deren Werke die Ausstellung ergänzen. Besuch unbedingt empfehlenswert. Der zweistündige Rundpfad beginnt mit dem Durchschreiten des Schwarzen Loches – Hawking hätte seine Freude daran gehabt.
Bei über 100 Kunstwerken fällt die Auswahl schwer. Viel Spaß beim Betrachten der Bilder.
Am Nachmittag kehren wir zum schönen Platz an der Abava zurück. Am Abend gibt es dann wieder ein kühlendes Gewitter.

Wetter 24°wechselnd bewölktGewitter

Essen Geräuchertes Kotlett vom Schwein, Reis und gelbe Kokossoße

Weißwein Weingut Hey (Saale-Unstrut) – Gutedel


Livland

Weiter geht es entlang der Osteeküste durch die livischen Dörfer. Liven sind eine Volksgruppe, die überwiegend als Fischer in der Gegend um Kolka gelebt haben, sie sprechen eine eigene Sprache. Die sowjetischen Machthaber verboten den Fischern das Fischen auf dem Meer (grotesk) und zerstörten ihre Boote, weil man mit diesen bis nach Schweden gelangen könne. Damit war den Fischern die Lebensgrundlage genommen, sie verließen ihr Land. Heute findet man in einigen Dörfern noch alte Häuser, andere sind aufwendig restauriert oder neu gebaut – wohl nicht von den armen Fischern. Es gibt noch etwa 200 registrierte Liven in Lettland…

Zauberwald und Moor

Am Abend parken wir vor dem Infozentrum des Naturparks Pokaini mez – dem heiligen Wald von Pokaini. Nachdem die letzten wenigen Besucher ihren Abendspaziergang absolviert haben, sind wir vollkommen alleine mit den Fröschen, den Vögeln und ein paar Geräuschen von „wilden“ Tieren, die Ute hört. Am Morgen wecken uns die früh aufstehenden Sänger, ein Storch sucht am Teich nach dem Frühstücksfrosch.
Durch den Zauberwald führen verschlungene Pfade, eine Karte soll uns vor dem Verirren retten – ein Wollknäuel haben wir nicht dabei…

Schloss Rundāle

Als Perle der historischen ländlichen Architektur in Lettland gilt das Barockschloss Rundāle. Mit Versailler Inspiration entstand im 18. Jahrhundert ein prächtiges dreiflügeliges Schloss mit 138 Zimmern und Sälen. Auftraggeberin war die russische Zarin Anna Iwanowna, die es dem kurländischen Herzog Ernst Johann Biron als Sommerresidenz zur Verfügung stellte.

Nach Verfall, Umnutzung und Zerstörung wurde es beginnend in den 1930er Jahren aufwändig restauriert – die Arbeiten dauerten 80 Jahre an.
Das Ergebnis hat uns sehr überzeugt…

Litauens Norden

Wir lassen Klaipeda links liegen und fahren wieder in das Landesinnere. Die Ostseestrände werden wir später erkunden.

Holzhäuser prägen das ländliche und teilweise auch städtische Bild in Litauen. Und es gibt auch wunderschöne Holzkirchen wie etwa die grüne Kirche Sv. Luryno in Kalnalio. Leider können wir nicht rein, eine betagte Frau hat gerade gewischt. Als Trost zeigt sie uns dem Weg zum Aussichtsturm. Auch Aussichtstürme sind beliebt in Litauen.

Zemaitijos Nationalpark bleiben wir gleich für zwei Nächte am glasklaren Plateliaisee. Gevatter Storch begrüßt uns – leider haben wir keine frischen Frösche dabei.
Das kalte Wasser schreckt Ute nicht ab, naja, es muss ja nicht jedem gefallen.
Wir unternehmen eine Radtour um den See, etwa 25km. Es geht durch herrliche Natur, am Wegesrand blühen Orchideen. Später dann passieren wir ein Gelände mit vier Abschusssilos für Atomraketen, die Dinger sind glücklicherweise nach den SALT-Abkommen in den 70er Jahren verschrottet worden. Heute Museum, ruft uns aber nicht.
Viele Campingplätze sind rund um den See entstanden, auch Ferienanlagen. Gäste sehen wir keine – es ist Vorsaison.

Wetter 26°sonnig

Essen Pelmeni

Unser erstes Ziel am nächsten Tag ist der Berg der Kreuze. In der frühen Geschichte wurde der Berg als heidnische Opferstätte genutzt. Während der Aufstände der litauischen Bevölkerung gegen die russischen Besatzer  im 19. Jahrhundert begann man auf dem Berg Kreuze für Angehörige zu errichten, deren Gräber man nicht kannte. Hinzu kamen später Kreuze für die Opfer der Stalinregierung. 1961 und Anfang der 70er wurden die Kreuze mehrfach durch die Machthaber plattgewalzt – jedoch schon am nächsten Morgen standen neue Kreuze auf dem Berg. Dieser fromme Widerstand wurde auch durch eine Predigt des Pabstes vor Ort gewürdigt. Heute ist der Berg ein Touristenmagnet und die Zahl von Zehntausenden errichteten und abgelegten Kreuze erhöht sich täglich. Wer sein Kreuz zu Hause vergessen hat, kauft sich eins für 2 bis 15 Euro am Souvenierstand…

Wir übernachten 100 km weiter östlich beim Biobauern in Pajiemenau. Kees und seine Frau Daiva empfangen uns sehr freundlich. Wir finden einen schattigen Platz im liebevoll gestalteten Garten und sind mit allem versorgt, was ein Camper hin und wieder braucht: Dusche, frisches Wasser usw.. Später kommen noch vier Motorradfahrer aus Bautzen, die begeistert von unserem Wohnmobil sind. Die Hitze macht ihnen mehr zu schaffen als uns – wir haben eine Klimaanlage.

Wetter 29°sonnig

Essen  geräucherter Ostseedorsch

Am Donnerstag wird gut gefrühstückt. Dann fahren wir in die Bierstadt Biržai, hier gibt es vier Brauerein. Da wir aber nicht einkehren wollen und können, kaufen wir uns eine große Flasche Bier. Wir besuchen noch das Schloß am See und schauen auf die imposante 500m lange Holzbrücke über den See.
In Richtung Lettland geraten wir ungewollt auf eine Schotterstraße. Der innereuropäische Grenzübergang besteht lediglich aus einem Hinweisschild auf dem Feld.
Am Abend kehren wir dann die Hälfte der Schotterstraße vom Wohnmobil ab, die Fahrräder bekommen auch ihren Teil ab. Das wird nicht das letzte Mal sein.


Kurische Nehrung

Die Memel verzweigt sich in mehrere Mündungsflüsse, die ihr Wasser dann in das Kurische Haff entlassen. Das Haff ist von der Ostsee getrennt durch eine schmale, im Mittel 2 km breite Insel von etwa 50 km Länge, die sich von Klaipeda im Norden bis in die Nähe von Kaliningrad im Süden. Die Insel wird heute Kurische Nehrung W genannt und gehört zum Weltkulturerbe.
Wir wollen vom kleinen Hafen Minja auf die Nehrung übersetzen und nur unsere Fahrräder mitnehmen. Am Vorabend treffen wir auch Heike und Siggi, mit denen wir die Überfahrt gemeinsam unternehmen.
Unser Motorboot „Forelle Flicka“ wurde in der VEB Yachtwerft Berlin gebaut und war als Seeschwalbe in Stralsund unterwegs und später als „Flicka“ im Heimathafen Wolgast registriert – so stehts auf dem Rettungring. Die Alarmklingel im Gang wurde im VEB RFT Fernmeldewerk Leipzig hergestellt, als „Rasselwecker“. Und wir sind heil zur Kurischen Nehrung in den Hafen Nida und wieder zurück gekommen – ist eben Qualität.
Wir haben uns Nida angeschaut. Thomas Mann hat hier ein sehr schönes Haus bewohnt, allerdings musste er es nach zwei Jahren schon wieder aufgeben, als er 1933 ins Exil getrieben wurde. Dominierende Hausfarbe in Nida ist Rot mit blauen Akzenten und weißen Fenstern. Mit dem Fahrrad haben wir noch eine schöne Tour Richtung Norden unternommen (im Süden steht der russische Grenzsoldat). Es gibt sehr viele Ferienwohnungen für Urlauber, die absolute Ruhe suchen.
Zum Schluß haben wir die etwa 40m hohe Parnidder Düne erklommen. Ganz oben verrichtet eine hohe steinerne Sonnenuhr ihre Arbeit.
Die Nacht verbringen wir in der Nähe des Leuchtturms von Verne. Hier werden mit drei großen Netzen Vögel gefangen. Sie werden nicht gebraten sondern von Ornithologen registriert und beringt. Das Haff verabschiedet sich mit einem stimmungsvollen Sonnenuntergang.

Wetter 22°sonnig

Essen geräucherte Lachsforelle aus der Ostsee